Pflanzenpharmakologie ist eine Pharmakologie sogenannter Vielstoffgemische. Das heißt, daß die Wirkung einer Pflanzenpräparation (z.B. Dekokt) nicht nur von einer (Wirk-)Substanz abhängt, sondern daß die Wirkungen vieler Bestandteile (im Falle des Dekokts aller wasserlöslichen Substanzen einer Droge) sich zu einer Gesamtwirkung summieren und potenzieren. Eine Identifizierung der wirksamkeitsbestimmenden Einzelsubstanzen ist auf absehbare Zeit für das Gros der Arzneidrogen nicht zu erwarten. Dehalb wurde der Begriff der Leitsubstanz geprägt.
Eine klassische Standardisierung einer Arneidroge ist dann möglich, wenn die Einzelsubstanzen der Arzneidroge eine charakteristische Verteilung zueinander besitzen. Man sucht sich eine möglichst stark im Verteilungsverhältnis vertretene Substanz oder möglichst leicht zu messende Substanz aus einer Zubereitung einer unter optimalen Bedingungen gewachsenen und verarbeiteten Pflanze als Leitsubstanz aus. Sollte die Wirkung einer Pflanze durch nur eine Substanz (=Wirksubstanz) bedingt sein, so sollte diese als Leitsubstanz ausgewählt werden. Durch Bestimmen der Konzentration der Leitsubstanz kann nun in einer zu vergleichenden Charge auf die Konzentration aller anderen Substanzen und damit auf die Wirkstärke geschlossen werden.
Bsp.: Eine fiktive Arzneidroge besteht aus den Einzelsubstanzen A, B und C, die in einer optimalen Zubereitung (=Referenzzubereitung) in der Konzentration 2mg/ml, 10mg/ml und 6mg/ml gemessen werden. Als Leitsubstanz wird Substanz B festgelegt. Wird einer Apotheke jetzt eine Charge geliefert, deren Zubereitung trotz gleicher Bedingungen nur eine Konzentration der Substanz B von 5 mg/ml ergibt, so weiß man nun, daß die Charge nur halb so wirksam wie die Referenzdroge ist. Sie sollte deshalb mit dem Korrekturfaktor 2 (=doppelte Dosis) in alle Chinesischen Arzneirezepte verarbeitet werden.
Grenzen der Standardisierung:
Ist es nicht möglich, eine Leitsubstanz zu bestimmen, so ist eine klassische Standardisierung nicht möglich. Gründe für das Fehlen einer Leitsubstanz ist zum Beispiel das Fehlen eines bestimmten, typischen Verhältnisses der Einzelsubstanzen zueinander, so daß es keine Referenzzubereitung gibt. Hierfür ursächlich können z.B. die unterschiedlichen Wachstumsbedingungen und damit unterschiedlichen Stoffwechselvorgänge von Pflanzen in Abhängigkeit von Standort oder Wetterbedingungen über die Periode bis zur Ernte sein.
Es ist in einem solchen Fall zu erwarten, daß sich auch die Wirkung der Chargen unterscheidet. Ursächlich bliebe dann für eine Standardisierung nur eine Festlegung der Aufzuchtmethoden der Arzneidrogen, was jedoch gerade bei ausländischen Drogenbezug sehr schwierig durchsetzbar und kontrollierbar wäre. Als Ausweg bliebe dann nur das Aufkaufen möglichst vieler Chargen und deren Mischung, so daß man in einer Art Melange eine mittlere Wirkstärke erhält. Voraussetzung dafür ist jedoch eine gewisse Infrastruktur im Vertrieb bei großer Abnehmerzahl.
Ingolf Hosbach, 2.April 2001