Deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für
Traditionelle Chinesische Medizin e.V.

Stefan Englert - Grosses Handbuch der Chinesischen Phytotherapie, Akupunktur und Diätetik

 

Laut Vorwort des Herausgebers richtet sich das Buch gleichermaßen an Einsteiger als auch Fortgeschrittene der Chinesischen Medizin. Um diesem Konzept gerecht zu werden, werden Einsteiger mit einem stringenten, klar strukturierten Grundlagenkapitel quasi „abgeholt“, um unterstützt durch ein klares und sinniges grafisches Abbildungssystem ohne Schnörkel an die klinische Praxis und die Rezepturen herangeführt zu werden. Das Buch unterteilt sich dementsprechend  in vier Teile: Grundlagen der TCM, (ausgewählte) Indikationen und Rezepturen sowie Materia Medica, wobei letztere sicherlich die wichtigsten und umfangreichsten Kapitel sind.

Das Grundlagenkapitel umfasst nahezu alle wichtigen Syndrome und Konzepte der TCM. Daß auf nur 120 Seiten einiges zu kurz kommen muß, versteht sich von selbst. Dafür entschädigt jedoch eine sehr klare und gekonnte didaktische Gliederung. Was stört, sind die vielen Verweise auf spätere Kapitel und bestimmte Begriffe, die der Anfänger der TCM noch nicht kennen kann (z.B. Bu Fa auf S.3 ohne Erklärung). Schmerzlich vermisst man in diesen Fällen auch einen alphabetischen Index, den das Buch leider nicht bietet. Im Weiteren werden Akupunkturpunkte genannt, aber ihre Lokalisation oder Wirkung im speziellen Fall nicht besprochen. Entgegen der Ankündigung des Herausgebers kommt der Anfänger der TCM also doch nicht ohne zusätzliche Bücher aus. Ebenso hervorragend wie einprägsam sind die Merksätze („No Qi – no fun – no energy.“, „No Yin – no peace.“ etc.).

Das Indikationenkapitel ist ebenso gut didaktisch aufbereitet: die 27 ausgewählten Indikationen sind anhand der durchdachten grafischen Seitenaufteilung auf jeweils einer Doppelseite vom Grundproblem ausgehend über Zungen- und Pulsbefund sowie weiterer klinischer Symptome auch für einen Anfänger ausreichend klar abgrenzbar, um zu einer TCM-Diagnose und entsprechender Behandlung mittels Phytotherapie, Akupunktur und Diätetik zu gelangen. Aber auch hier gilt wieder: ergänzende Bücher oder entsprechende praktische Erfahrungen für Puls- und Zungendiagnostik sind nötig, um die teilweise feinen Nuancen ausreichend gut einordnen zu können. Ebenso gilt, dass die straffe Kapitelorganisation Opfer in der Ausdifferenzierung einzelner Krankheitsbilder (z.B. Kopfschmerz) fordert. Die Auswahl der Indikationen ist vor allem durch den Alltag eines Primärarztes geprägt. Spezialdisziplinen kommen eher zu kurz.

Das sicherlich genialste Kapitel des Buches ist das Rezepturenkapitel. Den Grundtenor eines Dekoktes kann man geradezu optisch lernen: didaktisch einwandfreie Abbildungen erleichtern das intuitive Lernen und Erfassen der Hauptwirkorte, der behandelten Funktionskreise und Energieschicht sowie der „Richtung“ einer Rezeptur. Die Gesamtaspekte der Rezeptur sind ebenso ausführlich beschrieben wie auch die Einzelwirkungen der Kräuter. Sehr praxisnah sind die Ergänzungen um Diätetik und Akupunktur. Dieses Kapitel alleine lohnt den Kauf des Buches!

Die Materia Medica ist einfach und übersichtlich gestaltet: Alle wichtigen „china-town“-Kräuter sind in Wort und Grafik vorhanden und eher knapp vorgestellt. Alle wichtigen Aspekte werden berücksichtigt (Mu Tang als z.Z. „verbotenes Kraut“, Vergleich Ginseng und Codonopsis, Warnhinweise für in der Schwangerschaft problematische Kräuter etc.).

Fazit: Ein sehr gutes Buch für den Einsteiger und Fortgeschrittenen der Phytotherapie mit einigen Vorkenntnissen oder ergänzender Literatur. Das Rezepturenkapitel ist in seiner klaren Strukturierung und in der Beschränkung auf das Wesentliche geradezu genial.

VGH - 148 Euro

I. Hosbach