Ein kranker Mensch steht in einem besonderen Verhältnis zu seinem Therapeuten. Allein aufgrund dieses Abhängigkeitsverhältnisses neigt ein Patient eher als ein (gesunder) Probant dazu, in die Teilnahme zu einer wissenschaftlichen Untersuchung einzuwilligen. Zusätzlich hat ein Untersucher ein Interesse an seiner Studie und ist somit der Versuchung ausgesetzt, das oben genannte Therapeut-Patient-Verhältnis zur Verführung seines Patienten auszunutzen. Somit ist die Risiko-Nutzen-Abwägung häufig vom Nutzen für den Behandler und weniger vom Nutzen für den Patienten geprägt. Verschärft wird das Problem bei besonders zu schützenden Patienten, wie z.B. nicht einwilligungsfähigen Patienten (Intensiv-, Notfallpatienten, Kinder, schwer psychisch erkrankte Patienten). U.a. aufgrund obiger Überlegungen und u.a. aufgrund der Erfahrungen aus den menschenverachtenden Versuchen deutscher Ärzte während der Nazi-Zeit wurden internationale Abkommen geschlossen, die den Schutz der Patienten sicherstellen sollen.
TCM-Studien unterliegen den oben genannten Abkommen selbstverständlich genauso wie alle anderen Studien. Auf keinen Fall sollte angenommen werden, daß die TCM als ein ganzheitlich orientiertes Medizinsystem risikolos sei. Jede der Therapieformen der TCM hat ihre Risiken, die u.U. auch das Leben des Patienten gefährden können. Exemplarisch sollen im Folgenden die Nebenwirkungen der Akupunktur dargestellt werden.
Die Risiken der Akupunktur werden in Veröffentlichungen meist als Kasuistiken diskutiert [Strzyz H., Ernst G., Nebenwirkungen bei der Akupunktur, Schmerz 11, 1997, S. 13-19]. Art, Häufigkeit und Ausprägung von Risiken der Akupunktur sind stark abhängig von der Art der verwendeten Akupunkturverfahren:
Lokale Nebenwirkungen:
1. Lokale Hämatome: kleiner und seltener als bei Laborblutentnahmen, v.a. Punkte der Kopfhaut sind gefährdet; bei Akupunktur mit zusätzlicher Schröpfkopfbehandlung sind häufigere und auch größere Hämatome zu erwarten, die jedoch therapeutisch gewünscht sind. Bei Behandlung mit Antikoagulanzien besteht bei erhaltener Gerinnungsfähigkeit des Blutes keine absolute Kontraindikation, die Patienten sind jedoch entsprechend aufzuklären.
2. Lokale Infektionen: nur bei täglicher Akupunktur bei immungeschwächten Drogenabhängigen (Staph. aureus als Erreger, 2 Fälle von Psoasabszessen und 1 Fall einer spinalen Infektion) und bei Ohrakupunktur (v.a. mit Dauernadeln) beschrieben.
3. Nadelbruch: sehr selten, v.a. bei Elektroakupunktur; ohne Fragmententfernung schwerwiegende Folgen: Schädigung nervaler Strukturen direkt durch Fragment oder fragmentbedingtes Hämatom, Urolithiasis, Perikarderguß, Hämoperikard, abdominelle Schmerzen, Nierenschmerzen, Pseudaneurysmata arterieller Gefäße, Rückenschmerzen.
4. Parästhesien: harmlos, reversibel
5. Typ-IV-Allergien: reversibel, bei Vorgeschichte relative Kontraindikation
6. Argyrie (= Hautverfärbung durch Metalle): nur bei Dauernadeln
7. Koebner-Phänomen bei Psoriasis
8. Lokale Herpes-simplex-Aktivierung
9. Verbrennungen: reales Risiko bei Moxibustion
10. Pneumothoraces: 1980-1997 18 international beschriebene Fälle, zweimal mit Todesfolge; reale Gefahr bei thorakalen Punkten, v.a. bei kachektischen oder COPD-Patienten
11. In Einzelfällen: Beinvenenthrombose, Kompartmentsyndrom, Lymphozytom, Osteomyelitis, Augenverletzungen
Systemische Nebenwirkungen:
1. Übertragung von HBV, HCV und HIV: 1980-1997 84 bzw. 2 bzw. 3 Verdachtsfälle international; nur bei Nicht-Einmalnadeln
2. Bakteriämien von Staphylokokken und Pseudomonaden: Vorgeschichte von Endokarditiden als absolute Kontraindikation, wenn ohne Antibiotikaschutz
3. Vegetative Nebenwirkungen: Synkopen, Hypotonie (=> Nadelung nur im Liegen), Übelkeit, Diarrhoe, Obstipation, Müdigkeit (CAVE! Autofahrer!), psychotrope Wirkungen, Bradycardie
4. Schwangerschaft als relative Kontraindikation, da einige Punkte abortauslösend wirken
5. Zyklusunregelmäßigkeiten, erhöhte Fertilität
6. Initiale Befundverschlechterung
Weiterhin ungeklärt ist das tatsächliche Risiko bei Schwangeren unter einer Akupunktur. Solange keine verläßlichen Untersuchungen dazu vorliegen, sollten die empirischen Erfahrungen der TCM bei der Verwendung einzelner Punkte beachtet werden.
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